Eine brauchbare Erläuterung bzw. Erklärung von Begriffen mündet in eine mehr oder weniger formalisierten theoretischen Modell, das Elemente des Realitätsausschnitts mit ihren Relationen vereinfacht abbildet und die an sich gegebene Komplexität bewusst reduziert. Die Qualität der benutzten Annahmen und des erwählten Abstaktionsniveaus können nur auf der Ebene der Theorie gesetzt und überprüft werden. Insofern fungiert Theorie als Ordnungsrelation von Ideen, Gedanken und Erkenntnissen.
Aufgrund ihrer Abstraktheit kann man mit einer Theorie auch Fragen bearbeiten, die bei unerwarteten Ereignissen bzw. Überraschungen auftreten. Genau das ist in Zeiten wachsender Dynamik von besonderem Wert.
Vor diesem Hintergrund wurde das Circu entwickelt. Wer keine Lust hat, den Text zu lesen, der sollte den Podcast ansehen.

Der Ansatz

Zur Erfassung der Voraussetzungen der Performance von (remote) Teams entlang verteilter Wertschöpfungsprozesse wird ein Ansatz benötigt
a) der
hinreichend komplex ausdifferenziert ist
b) der bedeutsame Aspekte in ihrem Zusammenspiel darlegt
c) dessen Begrifflichkeit eine genügende Bedeutungsfülle aufweist und
d) der sprachlich und graphisch darstellbar ist

Auf diesem Wege sind die nötigen Voraussetzungen
a) angemessen detailreich formulierbar

b) als Gewebe aus verschiedenen Einflüssen darstellbar
c) von unterschiedlichen Expertisen her beschreibbar
d) auch außerhalb einer Grammatik erfassbar

Das hier vorgestellte theoretische Modell des Circu bietet alle diese Möglichkeiten, um die Bedingungen der Möglichkeit einer Performance eines (remote) Teams entlang der verteilten Wertschöpfung vereinfacht abzubilden. Das Circu dient als hilfreiche Ordnungsrelation Gedanken und Erkenntnissen zur Erfassung (un)erwarteter Ereignisse entlang der arbeitsteiligen Leistungserstellung. Dabei kann man sich auf einen relevanten Aspekt konzentrieren, dessen Beziehungen zu anderen Aspekten beachten und sich auf die Funktionstüchtigkeit des Zusammenspiels aller Aspekte konzentrieren. Insofern oszilliert das Circu zwischen der Anerkennung der im konkreten Einzelfall wirksamen Komplexität auf der Ebene der Praxis einerseits und Setzung/Benutzung einfacher Minimalbedingungen auf der Ebene der Theorie andererseits.

Weil Kommunikationsprozesse die Personen entlang von Wertschöpfungsprozessen miteinander verbinden und die Gedanken auf spezielle Themen lenkt, wird das theoretische Modell Circu genannt. Der Name ist abgeleitet aus Zirkel (alth. circil, von lat. circulus „Kreisbahn“) als Bezeichnung eines Personenkreises mit gleichem Interesse an einer Themenstellung.

Grundsätzlich wird anknüpfend an die Theorie sozialer Systeme unter einer Person ein mit einem bestimmten Namen belegtes stabiles Erwartungsbündel verstanden; es ist sowohl ein Adressat von Kommunikation(en) als auch ein kommunikativer Artefakt, dem kommunikative Mitteilungshandlungen zugerechnet werden. Eine Person ist somit letztlich als Mittel zur Reduktion sozialer Komplexität bzw. Kontingenz zu verstehen, das die Anzahl erwartbarer Möglichkeiten des Verhaltens durch äußere soziale Merkmale reduziert. Diese Wirkung ist gerade für die Performance eines remote Teams entlang verteilter Wertschöpfungsprozesse von Bedeutung.

Der Ausgangspunkt
Die Voraussetzungen der Handlungsfähigkeit eines remote Teams hängt in starkem Maße ab von dem gemeinsamen Verständnis der aktuellen Situation und von ineinandergreifenden Denk- und Erwartungsweisen, die beide das beobachtbare Verhalten prägen. Damit es zu keinen unnötigen Irritationen im Team kommt, ist das eigene Denken (mitsamt den darin vorkommenden Erwartungen) für andere nachvollziehbar auszusprechen und die als fremd erkannten Gedankengänge nachfragend zu erkunden.

Kommunikation und Zusammenarbeit
Vor diesem Hintergrund meint Kommunikation (lat. communicare „mitteilen, teilnehmen lassen, gemeinsam machen“) im Kern wechselseitige Angebote und Vollzüge der Teilhabe an der gemeinsamen Konstruktion von etwas, das aus dem Zusammenspiel entsteht (lat. communio: „Gemeinschaft“; communis: „gemeinsam“). So gesehen ist Kommunikation ein Synonym für direkte oder mediengestützte Mitteilungshandlungen an spezielle Adressaten und findet im Englischen sowie im Französischen im Begriff communication seine Entsprechung.

Dem gegenüber meint Kollaboration (lat. con „mit“; laborare „arbeiten“) eine enge Zusammenarbeit mehrerer Personen(gruppen). In seiner heutigen bewusst wertfreien Bedeutung in den Wirtschaftswissenschaften ist Kollaboration ein Synonym für Formen der (besonders engen) Zusammenarbeit und findet im Englischen sowie im Französischen im Begriff collaboration seine Entsprechung.

Jede arbeitsteilige Zusammenarbeit benötigt Formen von Kommunikation zwischen den Akteuren und Formen des Ineinandergreifens individueller Beiträge für ein konsistentes Arbeitsergebnis. Im Rahmen dieser Zusammenarbeit ergibt sich oft erst der Sinngehalt einzelner Kommunikationen. Die in einem verteilten Wertschöpfungsprozess von den Prozessbeteiligten benutzten Formen von Kommunikation und Kollaboration entwickeln sich im Laufe der Zeit weiter; genau wie die Regeln, nach denen sie ablaufen (sollen).

Wandel und Bewahrung
Um Grunde gibt es kaum jemals so etwas wie eine vollkommene Wiederholung, denn immer kommt es zu Abnutzungen, Abschreibungen, Lernen und Wiedererkennen.

Change meint in der heutigen Organisationsentwicklung eine(n) Veränderung(sprozess), mit Aspekte wie Ziele, Aufgaben, Maßnahmen oder Tätigkeiten zur Erzielung von Wertschöpfung. Die Entwicklung, Budgetierung, Umsetzung, Evaluation und Neuausrichtung dieser Aspekte bedarf der mündlichen und schriftlichen Kommunikation in Absprache der Entscheidungsträger.

Continuity hingegen meint einen ununterbrochenen, gleichmäßig voranschreitenden Fluss von Ereignissen, in dem sich vollziehende Veränderungen nicht sprunghaft und plötzlich (also nicht diskontinuierlich) vollziehen. Hier geht es vornehmlich um die reflexive Weiterentwicklung der organisationalen Wertschöpfung sowie um den Schutz der Organisation vor Risiken mit großem Schadensausmaß. Auch die Entwicklung, Budgetierung, Umsetzung, Evaluation und Neuausrichtung dieser Aspekte bedarf der mündlichen und schriftlichen Kommunikation in Absprache der Entscheidungsträger.



Das Zusammenspiel von Kommunikation (communication) und Zusammenarbeit (collaboration) findet somit immer im Rahmen von Kontinuität (continuity) und Wandel (change) statt.

Inhalt und Kontext
Der Anglizismus content bezeichnet Formen des Inhaltes bzw. des Gehaltes von Informationen. Es geht um das Erzeugen, Überarbeiten, Veröffentlichen, Übersetzen, Benutzen, Ablegen, Archivieren und Ausscheiden von Informationen in Form von Unterlagen und Dokumenten.

Der Anglizismus context hingegen bezeichnet die Einbettung einer Information in einen bestimmten Zusammenhang, Datenkranz, Hintergrund, Milieu, Sinnhorizont oder einfach Kontext. Hinsichtlich der verteilten Wertschöpfung sind verschiedene Kontexte wirksam, die weder trennscharf noch unabhängig voneinander sind.

Für das betriebswirtschaftliche Denken ist insbesondere der budgetäre Kontext von Bedeutung: Er passt gut zu den traditionellen Mengenmodellen, in denen der Verbrauch von materiellen (z. B. Zeit, Halbfertigprodukte oder Roh-, Hilfs- und Betriebsstoffe) sowie immaterielle (Marken, Logos, Reputation) Komponenten durch Stück-Kosten bzw. Stück-Preisen rein monetär beurteilt werden.
 
Der Gesamtzusammenhang
Die Voraussetzungen der Handlungsfähigkeit eines remote Teams können also folgendermaßen dargestellt werden: Das Zusammenspiel von Kommunikation (communication) und Zusammenarbeit (collaboration) findet im Rahmen von Kontinuität (continuity) und Wandel (change) statt. Das Verstehen einzelner Informationen bzw. Mitteilungen (content) entlang der verteilten Wertschöpfung ist dabei geprägt von der Einbettung in einen Zusammenhang (context).

Genau diesen Gesamtzusammenhang zeigt das Circu auf.



Das Fazit
Zur permanenten Weiterentwicklung der zu verantwortenden Wertschöpfung im Rahmen von zusehends fluider werdenden Kooperationsverbünden, die immer deutlicher einen netzwerkartigen, temporären Charakter bekommen, sind jedoch die Voraussetzungen der Performance zu bedenken und zu gestalten. Genau hier knüpft das Circu an.


Die Literaturquellen


Wilms, F. (2017): Kommunikation in der Theorie sozialer Systeme, Berlin: wvb-Verlag

Meusburger, M./Wilms, F. (2016): Das CIRCU: Konzept - Anwendung - Beobachtung, Berlin: wvb-Verlag

Wilms, F. (2016): Konstruktive Aussprache statt irreführende Diskussion; in: TrainerJournal 12/16, S. 23

Wilms, F. (2016): Das CIRCU-Modell. Arbeitsbericht Nr. 3 des Departments SOWI der FH Vorarlberg, Dornbirn